Impulsives Verhalten
Immer häufiger melden sich Kita-Teams bei mir, die sich im Alltag durch impulsives Verhalten von Kindern stark herausgefordert fühlen. Kinder, von denen erwartet wird, dass sie „das eigentlich schon können“, werfen mit Gegenständen, schlagen andere oder bringen den Tagesablauf immer wieder durcheinander.
Impulsives Verhalten bei Kindern verstehen und professionell begleiten
Impulsives Verhalten bei Kindern beschäftigt viele pädagogische Fachkräfte und Eltern gleichermaßen. In der Kita erleben Teams Situationen, in denen Kinder schlagen, Dinge werfen, laut werden oder scheinbar ohne Vorwarnung handeln. Derzeit fragen sich viele Fachkräfte in der Kita: nimmt dieses Verhalten zu?
In diesem Artikel möchte ich einige Antworten geben auf die Fragen:
Was ist eigentlich normales Verhalten?
Wie erklärt sich der Eindruck, impulsives Verhalten würde zunehmen? Und ist objektiv was dran?
Wie können Erwachsene Kinder dabei unterstützen, ihre Impulse Schritt für Schritt besser zu regulieren?
Dieser Artikel beleuchtet, was Impulsivität bei Kindern bedeutet, wie sie sich im Alltag zeigt und wie Fachkräfte aus Sicht der Positiven Disziplin handlungsfähig bleiben können.
Erstmal Praxis: Impulsivität in der Kita begleiten
Du bist sicher auf diesen Artikel gestoßen, weil du für deinen Alltag Hilfe suchst. Also zuerst die Praxis, dann die Theorie.
Impulsives Verhalten beziehungsorientiert begleiten
Die Positive Disziplin geht davon aus, dass Kinder sich kooperativ verhalten, wenn sie sich zugehörig, sicher und verstanden fühlen. Ziel ist es nicht, impulsives Verhalten zu unterdrücken, sondern Kinder dabei zu unterstützen, langfristig Selbstregulation zu entwickeln.
Zentral ist dabei der Gedanke der Co-Regulation: Erwachsene übernehmen zunächst die Steuerung, die Kinder noch nicht leisten können.
Gefühle spiegeln
Kinder brauchen Erwachsene, die ihre Gefühle spiegeln, ohne zu bewerten:
„Du bist gerade sehr wütend, stimmt’s?“
Studien zur Emotionsentwicklung zeigen, dass das Benennen von Gefühlen Kinder dabei unterstützt, innere Zustände allmählich zu ordnen. Erst wenn ein Kind sich verstanden fühlt, kann es lernen, alternative Handlungsstrategien zu entwickeln.
Über Emotionen und Gefühle reden
Emotionen zu erkennen und zu unterscheiden ist ein wichtiger Faktor für Selbstregulation. Indem ihr immer wieder Emotionen thematisiert, Bücher dazu anbietet und mit Bildern arbeitet, helft ihr Kindern dabei, sie zu entwickeln.
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Körperliche Empfindungen
Sprecht auch über körperliche Empfindungen. So zum Beispiel:
„Wenn ich wütend bin, dann spüre ich die Wut wie ein feuriges Kribbeln hier (Hand auf den Bauch legen), im Bauch. Wie fühlt sich die Wut bei dir an?“
So lernen Kinder, körperliche Empfindungen zu deuten und sich zu regulieren, bevor sie explodieren und überfordert sind.
Gefühle kennen lernen und erkennen lernen
Die Gefühle anderer Kinder müssen auch immer wieder übersetzt werden. „Schau, die Selma weint jetzt. Sie ist vermutlich traurig, dass sie das Auto nicht mehr haben darf.“
Freundlich und bestimmt Grenzen setzen
Positive Disziplin bedeutet nicht, alles zu erlauben. Grenzen geben Orientierung und Sicherheit:
„Ich lasse nicht zu, dass du schlägst. Ich bin bei dir und helfe dir.“
Wichtig ist, Grenzen ruhig, klar und ohne Beschämung zu setzen. Kinder lernen dadurch, dass ihre Gefühle erlaubt sind – ihr Verhalten jedoch begleitet und begrenzt wird.
Prävention von impulsivem Verhalten in der Kita
Viele impulsive Situationen lassen sich durch gute Rahmenbedingungen entschärfen:
- klare Tagesstrukturen
- vorbereitete Übergänge
- ausreichend Bewegung
- verlässliche Beziehungen
- Tagesstruktur, in der Kita die Selbstregulation (also Rückzug oder Bewegung) zulässt
In meiner Arbeit zeigt sich immer wieder: Je sicherer sich Kinder fühlen, desto weniger müssen sie ihre Impulse „nach außen entladen“.
Wenn ihr in eurer Kita eure Tagesstruktur oder Raumgestaltung abklopfen möchtet, um Kinder in ihrer Selbstregulation zu begleiten, komme ich gerne für einen Workshop zu euch. Finde alle Angebote für Teams hier.
Was bedeutet Impulsivität bei Kindern?
Impulsivität beschreibt die Tendenz, schnell, ungefiltert und ohne bewusste Steuerung zu handeln. Kinder reagieren unmittelbar auf innere Impulse – Gefühle, Bedürfnisse oder Reize aus der Umgebung, ohne diese bremsen oder reflektieren zu können.
Impulsives und disruptives Verhalten, dass als Störung bezeichnet werden könnte, nennt man im DSM-5 affektive Dysregulationsstörung. Hierbei gelten feste Kriterien, wie etwa dass das Verhalten mehrmals in der Woche über einen längeren Zeitraum auftreten muss. Diese Diagnose wird erst ab dem 6. Lebensjahr gestellt. (Oberberg Kliniken, kein Datum)
In der positiven Disziplin gibt es einige Tools dafür, wie Vereinbarungen getroffen werden können. Beginne bei diesen vier Schritten zur Abmachung von Vereinbarungen mit Kindern:
Wie sich Impulskontrolle entwickelt
Aus entwicklungspsychologischer Sicht ist Impulsivität kein Fehlverhalten, sondern ein normaler Bestandteil früher Entwicklung. Die Fähigkeit zur Impulskontrolle hängt eng mit der Reifung des Gehirns zusammen, insbesondere mit dem präfrontalen Kortex, der für Planung, Selbststeuerung und Emotionsregulation zuständig ist. Dieser Bereich entwickelt sich über viele Jahre hinweg und ist im Krippen- und frühen Kindergartenalter noch nicht ausgereift.
Viele impulsive Situationen lassen sich durch gute Rahmenbedingungen entschärfen.
Die ersten Kompetenzen zur emotionalen Regulation erlangen Kinder mit 2 Jahren. Davor regulieren sie sich mithilfe von Bezugspersonen – Co-Regulation – oder mit Hilfe von Reizen wie dem Daumenlutschen oder dem Abwenden des Blicks. (Eisenberg, 2010)
Studien zur Selbstregulation zeigen, dass impulsives Verhalten im Vorschulalter stark variiert und unterschiedliche Entwicklungsverläufe haben kann. Ein Teil der Kinder zeigt vorübergehend ausgeprägte Impulsivität, die sich mit zunehmender Reife deutlich reduziert. Bei einer kleineren Gruppe bleiben impulsive Verhaltensmuster stabiler bestehen, was jedoch nicht automatisch auf eine Störung hinweist. (Eisenberg, 2010)
Was meinen wir, wenn wir von impulsivem Verhalten in der Kita sprechen?
Meistens sprechen Fachkräfte von impulsivem Verhalten, wenn ein Kind häufiger als die meisten anderen Kinder schlägt, anderen etwas wegnimmt, Spiele stört, dazwischen redet oder Streit sucht.
Solche sogenannten externalisierenden Verhaltensweisen wie Wutanfälle, häufiges Streiten oder Schwindeln lassen sich mit Einflussfaktoren wie Haushaltseinkommen, Familienform und Bildungshintergrund verbinden. (Nagy, 2019)
Hauen, streiten, Dinge werfen: Externalisierende Verhaltensweisen
Ob ein Kind stark verhaltensauffällig wird und externalisierende Verhaltensweisen zeigt, hängt also von Stresseffekten (Armut zum Beispiel) und von Erziehungseffekten (inkonsistentes Erziehungsverhalten zum Beispiel) ab.
Wichtig ist daher die Unterscheidung zwischen entwicklungsangemessener Impulsivität und Verhalten, das auf Überforderung, Stress oder fehlende Unterstützung hinweist.
Wie zeigt sich impulsives Verhalten im Kita-Alltag?
Impulsives Verhalten kann sehr unterschiedlich aussehen. Typische Beispiele aus der Kita sind:
Beispiel 1: Der zweijährige Mehmet reißt einem anderen Kind ein Spielzeug aus der Hand und schlägt zu, als dieses protestiert. Die Handlung geschieht schnell, ohne sichtbare Absicht zu verletzen – das Kind reagiert auf Frust und das unmittelbare Bedürfnis nach dem Spielzeug.
Beispiel 2: Die fünfjährige Martha läuft im Morgenkreis plötzlich los, ruft laut dazwischen oder wirft Materialien um. Es fällt dem Kind schwer, abzuwarten oder die eigene Bewegung zu bremsen, besonders in Übergangssituationen.
Wissen über Entwicklungspsychologie hilft dir, das Verhalten des Kindes besser einzuordnen.
Im ersten Beispiel können wir schon alleine aufgrund des Alters des Jungen vermuten, dass es sich um entwicklungsbedingte Impulsivität handelt. Wie du Kinder in ihrer Entwicklung der Selbstregulation unterstützen kannst, findest du weiter oben und hier im Video.
Im zweiten Beispiel schaut es schon komplexer aus. Hier fällt mir auf, dass Martha nicht nur den Morgenkreis verlassen möchte. Vielleicht ist sie gelangweilt oder müde: Dann wäre es gesunde Selbstregulation, sich zurückzuziehen. Aber sie stört auch die anderen dabei, teilzunehmen. Und sie zeigt aggressives Verhalten. Wenn Martha öfter und mehrmals in der Woche in dieser Art verhält, dann macht es Sinn, genauer hinzuschauen. Vielleicht hilft euch im Team auch eine Fallbesprechung, um ermutigende Strategien für Martha zu finden.
Nimmt impulsives Verhalten bei Kindern zu?
Viele Fachkräfte berichten subjektiv von einer Zunahme impulsiven Verhaltens in der Kita. Es gibt bislang keine eindeutigen Belege, dass impulsives Verhalten bei jungen Kindern in der Gesamtbevölkerung deutlich zugenommen hat.
Was sich jedoch verändert hat, sind die Rahmenbedingungen, unter denen Kinder aufwachsen:
- höhere Alltagsdichte und weniger Erholungsräume
- weniger Bewegung im Alltag
- größere Gruppen und weniger Rückzugsmöglichkeiten
- veränderte familiäre Belastungen
- social media Konsum im frühen Alter
- zu häufige Bildschirmzeiten
Studien zur kindlichen Selbstregulation weisen darauf hin, dass Stress, Unsicherheit und fehlende Co-Regulation impulsives Verhalten verstärken können. Gleichzeitig hat sich auch der professionelle Blick geschärft: Verhaltensweisen werden heute bewusster wahrgenommen und reflektiert als noch vor einigen Jahren.
Besonders Social Media Konsum von Kindern wird in Studien mehr und mehr mit impulsivem Verhalten in Verbindung gebracht. Bisher geschieht das im Kontext von ADHS. In einer Studie mit 10 – 14jährigen wurde ein Zusammenhang zwischen ADHS-ähnlichen Symptomen und Social Media Konsum gefunden. (The Guardian, 2025) Es ist noch unklar, was Social Media Konsum mit jüngeren Gehirnen anstellt. Eine umfangreiche Diskussion zum Thema soziale Medien und Kinder findest du hier: (Leopoldina Nationale Akademie der Wissenschaften, 2025)
Klar ist jedoch, dass die Bildschirmzeit in jungen Jahren streng reglementiert werden muss, damit Kinder ausreichend Zeit für Bewegung und die Ausreifung von Exekutivfunktionen haben.
So können wir zusammenarbeiten:
Quellen zum Thema impulsives Verhalten bei Kindern
Eisenberg, N. S. (2010). • Eisenberg, N., Spinrad, T. L., & Eggum, N. D. (2010). Emotion-related self-regulation and its relation to children’s maladjustment. Annual Review of Clinical Psychology, 6, 495–525. Annual Review of Clinical Psychology, 6, S. 495–525.
Leopoldina Nationale Akademie der Wissenschaften. (2025). Soziale Medien und die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Halle (Saale).
Leopoldina. Nationale Akademie der Wissenschaften. (2024). Förderung der Selbstregulationskompetenzen von Kindern und Jugendlichen in Kindertageseinrichtungen und Schulen. Stellungnahme. Halle (Saale). Von https://www.leopoldina.org/fileadmin/Daten/Publikationen/Dokumente/2024_Stellungnahme_Selbstregulation.pdf abgerufen am 26.01.2026
Nagy, T. (2019). Auffälligkeiten im Kindesalter. Gütersloh: Bertelsmann Stiftung.
Oberberg Kliniken. (kein Datum). oberbergkliniken.de. Von https://www.oberbergkliniken.de/symptome/affektive-dysregulation-im-kindes-und-jugendalter abgerufen am 26.01.2026
The Guardian. (12 2025). theguardian.com. Von https://www.theguardian.com/technology/2025/dec/08/social-media-damages-childrens-ability-to-focus?utm_source=chatgpt.com abgerufen am 26.01.2026
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