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Elisabeth Krista – Botschafterin für glückliche Kindheiten

Abschiedsschmerz bei Kindern

Warum Abschied nehmen für Kinder gut und wichtig ist

Ich bin als Kind im Auto eingeschlafen und aufgewacht, als meine Eltern schon weg waren. Wir waren in England bei meinen Großeltern, die ich kaum kannte. Meine Eltern wollten ein paar Tage für sich haben, ein völlig nachvollziehbarer Wunsch. Sie sind auf die Isle of Wight gefahren. Ich habe drei Tage lang geweint und sie so sehr vermisst, dass die beiden ihren wohlverdienten Paarurlaub abbrechen und zurückkommen mussten.

Ohne Abschied: Enttäuschung

Ich erzähle das nicht, um meinen Eltern etwas vorzuwerfen, denn sie haben es gut gemeint und wollten mir den Abschiedsschmerz ersparen. Ich erzähle es, weil ich daraus sehr viel gelernt habe. Jahrelang fiel es mir schwer, mich von meiner Mutter zu lösen. Ich habe auf einer Geburtstagsparty Ohrenschmerzen vorgetäuscht, damit sie mich abholt. Ins Kinderlager wollte ich auf keinen Fall. Mein Körper hatte sich gemerkt, dass Menschen plötzlich verschwinden können, und er blieb fortan lieber wachsam.

Warum wir Kindern Abschiede ersparen wollen

Die meisten Eltern, die sich aus dem Haus oder aus der Kita schleichen, tun das aus Liebe. Sie wollen ihrem Kind den Schmerz ersparen, sie fürchten das Weinen an der Kitatür und hoffen, dass es leichter wird, wenn das Kind gerade abgelenkt ist. Auch beim Thema Tod verfahren wir oft so: Das Meerschweinchen ist “weggelaufen”, Oma ist “eingeschlafen”, und über den Verlust wird dann lieber nicht mehr gesprochen.

Kinder sind stärker, als wir oft denken

Dahinter steckt die Annahme, Kinder könnten Abschiedsschmerz nicht aushalten. Dabei halten Kinder Gefühle sehr gut aus, solange jemand da ist, der sie mit ihnen zusammen aushält. Was Kinder dagegen schlecht verkraften, ist die Erfahrung, allein gelassen zu werden, wenn es wehtut, und die Verwirrung, wenn niemand erklärt, was passiert ist.

Was beim heimlichen Gehen im Kind passiert

Ein Kind, das sich zum Spielen umdreht und später feststellt, dass die Bezugsperson weg ist, könnte daraus den Schluss ziehen: Menschen verschwinden ohne Vorwarnung.

Eine Folge könnte sein, dass es beim nächsten Mal genauer hinschaut, den Blick nicht mehr von der Tür lässt und sich kaum noch auf Spiel und Entdecken einlassen kann. Vielleicht hast du diese Erfahrung schon gemacht: Dass dein Kind oder ein Kind in der Kita nach so einem Vorfall – einem Vertrauensbruch – noch schwerer loslassen konnte.

Fragen und Reflexionen begleiten Kinder darin, ihre eigenen Denkprozesse zu durchlaufen.

Manche Kinder klammern danach stärker, andere ziehen sich zurück und wirken auf den ersten Blick ganz selbstständig, obwohl sie innerlich im Alarmzustand sind.

Ein ehrlicher Abschied dagegen schafft Verlässlichkeit. Wenn ein Kind erlebt, dass jede:r sich verabschiedet, bevor sie oder er geht, und dass die Person auch wirklich wiederkommt, kann es mit der Zeit darauf vertrauen. Das Weinen beim Abschied ist dabei kein Zeichen, dass etwas schiefgelaufen ist, sondern ein Zeichen, dass das Kind sicher gebunden ist.

Eingewöhnung in der Kita: Der Abschied ist das Herzstück

Gerade im Herbst, wenn viele Kinder neu in Krippe und Kita starten, wird das Thema ganz praktisch. Die Eingewöhnung dreht sich im Kern um die Frage, wie ein Kind lernen kann, dass es auch ohne seine Eltern oder erste Bezugspersonen gut aufgehoben ist. Ich habe Eingewöhnungen in der Krippe viele Jahre lang begleitet und dabei gelernt, dass die Trennung, also ihr WIE und WANN, ein zentrales Geschehen des Ganzen ist.

Signalisiere deinem Kind: diese Situation ist sicher, du bist hier gut aufgehoben!

Ein gutes Vorgehen könnte so aussehen: Die Eltern sagen dem Kind in einfachen Worten, dass sie jetzt gehen und wiederkommen, zum Beispiel nach dem Mittagessen oder nach dem Spielen im Garten. Sie geben ein kurzes, immer gleiches Abschiedsritual, vielleicht eine Umarmung, ein Winken am Fenster und einen Satz, der für die Familie stimmig ist. Und dann gehen sie wirklich, ohne noch dreimal umzukehren, denn jedes Zögern signalisiert dem Kind, dass die Situation gefährlich sein könnte.

Die Fachkraft nimmt das Weinen ernst und tröstet, ohne es wegzureden. Sätze wie „Du vermisst Mama und Papa, das ist traurig, und ich bin bei dir” helfen mehr als „Ist doch alles gut.” Wenn Eltern etwas früher als versprochen kommen oder sich vorab verabschieden, entsteht Vertrauen. Das ist die Grundlage dafür, dass dein Kind sich auf neue Räume, neue Menschen und neue Spielgefährt:innen einlassen kann.

Viele Eltern leiden beim Abschied mindestens genauso wie ihre Kinder. Wenn Fachkräfte das offen ansprechen, entlastet es alle. Wer als Elternteil weinend im Flur steht, braucht keine Belehrung, sondern jemanden, der sagt: „Das ist schwer, und Sie machen das gut.”

Abschied für immer: Tod und Verlust für Kinder

Manchmal sind Abschiede endgültig. Wenn das Haustier stirbt, die Oma oder der Opa, oder wenn der geliebte Schnuller, das Kuscheltier oder die Windel verabschiedet wird, stehen Erwachsene oft vor der Frage, wie viel Wahrheit zumutbar ist. Meine Erfahrung ist, dass die Wahrheit in kindgerechten Worten immer die beste Wahl ist.

Liebevoll und klar ist der beste Weg.

Kinder brauchen klare Sprache: „Das Tier ist gestorben. Sein Körper funktioniert nicht mehr, es spürt nichts mehr, und es kommt nicht wieder.” Das klingt für Erwachsene hart, gibt Kindern aber Orientierung. Bilder wie „eingeschlafen” oder „weggegangen” können dagegen Ängste vor dem Einschlafen oder vor dem Weggehen auslösen. Und wenn niemand erklärt, was passiert ist, füllen Kinder die Lücke mit ihrer eigenen Fantasie, die oft schlimmer ist als die Realität.

Drei Rituale, die Abschied möglich machen

Rituale geben dem Schmerz eine Form, und das macht ihn handhabbar.

Das Ritual an der Tür

Es besteht aus immer denselben Handgriffen: zwei Küsse auf die Wange, ein Handschlag, ein Winken am Fenster, ein gemeinsamer Satz wie „Bis nachher, ich komme wieder!”. Die Wiederholung ist der entscheidende Teil, denn sie beruhigt das Nervensystem, weil das Kind vorhersehen kann, was als Nächstes passiert. Manche Kinder mögen ein Übergangsobjekt, etwa ein kleines Tuch, das nach Mama oder Papa riecht, oder ein Foto in der Jackentasche.

Das Ritual für Erinnerung

Wenn ein Tier oder ein Mensch gestorben ist, hilft es, gemeinsam etwas zu tun:

  • eine Kerze anzünden,
  • ein Bild malen,
  • einen Brief schreiben, den man ins Grab legt,
  • oder im Garten eine kleine Beerdigung halten.

Jede Person darf etwas sagen oder schweigen, und es darf geweint, aber auch gelacht werden, zum Beispiel, wenn jemand eine lustige Erinnerung teilt. Kinder wechseln oft schnell zwischen Traurigkeit und Spiel, und das ist völlig in Ordnung.

Das Ritual für den Abschied von Dingen

Auch der Schnuller, die Windel oder das Kuscheltier, das unterwegs verloren ging, verdienen einen würdigen Abschied. Der Schnuller kann an einen Baum gehängt, in einem Umschlag an die „Schnullerfee” geschickt oder einem kleineren Kind geschenkt werden.

Für ein verlorenes Kuscheltier schreibt ihr gemeinsam einen Abschiedsbrief oder malt ein Abschiedsbild. Das Kind erlebt dabei, dass sein Gefühl ernst genommen wird, auch wenn es „nur” um einen Gegenstand geht.

Abschiedsschmerz aushalten und regulieren

Regulation lernen Kinder im Zusammensein mit einem Menschen, der ruhig bleibt, während sie aufgewühlt sind. Unser Nervensystem beruhigt sich nicht durch gute Argumente, sondern durch Nähe, einen warmen Tonfall und die Erfahrung, dass das Gefühl vorübergeht. Wenn wir den Schmerz wegtrösten („Ist doch nicht schlimm.”), lernen Kinder, dass ihre Gefühle zu groß für uns sind. Wenn wir bleiben, lernen sie, dass sie es schaffen können.

Dazu gehört auch, dass wir als Erwachsene unsere eigenen Gefühle ernst nehmen. Wer selbst nie gelernt hat, Verlust zu spüren, tut sich schwer, ihn bei einem Kind auszuhalten. Manchmal lohnt sich deshalb ein Blick zurück auf die eigene Geschichte, so wie bei mir.

Fazit: Zutrauen ist die schönste Form von Fürsorge

Abschiede gehören zum Leben: vom ersten Kitatag bis zum Tod eines geliebten Menschen. Kinder können damit umgehen, wenn wir ehrlich sind, Rituale anbieten und ihren Schmerz mit ihnen aushalten.

Ich wünsche mir, dass mehr Eltern und Fachkräfte sich und den Kindern in ihrem Leben das zutrauen. Damit schenken wir Kindern etwas, das sie ein Leben lang mitnehmen : das Vertrauen, dass sie auch dann nicht allein sind, wenn es wehtut.

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