Elisabeth Krista – Botschafterin für glückliche Kindheiten

Wenn Kinder enttäuscht werden: Warum Annehmen lernen so wichtig ist

Kinder lernen nicht durch Druck, mit Frustration umzugehen, sondern durch Beziehung, Begleitung und die Erfahrung, dass ihre Gefühle sein dürfen. 

Tobias schaut ungläubig. Mit großen Augen und hängenden Armen steht er vor Larissa. Er kann es nicht „wahr-haben“. Noch nicht.

Was ist passiert? Tobias war der festen Überzeugung, sein „bester Freund“ Timur würde ihn zu seiner Geburtstagsfeier einladen.

Situationen wie diese zeigen, wie wichtig es ist, dass Kinder lernen, Enttäuschung anzunehmen und mit starken Gefühlen umzugehen.

Die Mauer der Vergeblichkeit: Liebevoll und bestimmt bleiben

Jetzt steht Larissa vor ihm, als „Mauer der Vergeblichkeit“, wie es Maté und Neufeld in ihrem Buch nennen. Sie sagt ganz klar: „Er hat dich nicht eingeladen.“ Sie präsentiert ihm die Realität. Sie schönt sie nicht. Sie versucht sie nicht zu verändern. Denn ändern kann Tobias daran nichts: Timur hat ihn nicht eingeladen.

Kinder müssen spüren, dass wir auf ihrer Seite sind.

Wenn Kinder enttäuscht werden

So schwierig das manchmal sein kann: Kinder müssen die Realitäten des Lebens annehmen lernen. Sie müssen mit Enttäuschungen umgehen lernen. Dieser Prozess heißt „Adaption“ – Anpassung. Kinder lernen dabei, eine schmerzhafte Realität anzunehmen, die sie nicht verändern können.

Was als nächstes kommt ist sehr abhängig davon, wie Tobias gestrickt ist, was sein Temperament ist und auch, welche Erfahrungen er mit Verletzlichkeit in seinem Leben schon gemacht hat. Vielleicht bekommt er einen Wutanfall. Vielleicht wird er verschlossen. Vielleicht wird er direkt sehr traurig.

Die Mauer der Vergeblichkeit: Sie ist bestimmt und gleichzeitig liebevoll. Diese Klarheit tut Kindern gut.

Larissa weiß, dass diese Frustration in Tobias sehr viele Gefühle auslösen wird. Und vermutlich auch Gefühle, mit denen er nicht sofort umgehen wird können. Sie wird ihn darin begleiten und ihm helfen, seine Traurigkeit über die Zurückweisung, über die Unabänderlichkeit der Situation, anzunehmen.

Sie könnte etwas sagen wie: „Es ist echt traurig, wenn man sich etwas so wünscht.“ Oder „Ich wünschte, das wäre anders gekommen.“ Wichtig für Tobias ist, zu spüren, dass Larissa auf seiner Seite ist. Und dass sie weiß, dass unter der Wut eine Traurigkeit versteckt liegt, die er spüren muss.

Warum Traurigkeit beim Annehmen hilft

Die Traurigkeit über die Unabänderlichkeit einer Situation hilft uns, Dinge anzunehmen. Erst wenn wir die Tränen zulassen, die Traurigkeit spüren dürfen kann unser System loslassen. Wir erleben dann die erleichternde Kraft des Loslassens. Die Traurigkeit über die Unabänderlichkeit einer Situation hilft uns, Dinge anzunehmen. Sie ist ein zentraler Prozess, durch den Kinder lernen, mit Enttäuschung umzugehen.

Was heißt das für Tobias?

Tobias kann dann aufhören, danach zu streben, eingeladen zu werden. Er kann die anstrengenden Versuche, sich bei Timur beliebt zu machen, aufgeben. Seine Energie wird freigesetzt und er kann sich wieder auf andere Dinge konzentrieren. Und vor allem: Er lernt, dass nicht alles immer so kommt, wie er sich das vorstellt.

Im Idealfall hilft dem Kind diese Erfahrung der Enttäuschung, flexibler mit den Gegebenheiten des Lebens umzugehen.

In seinem Gehirn wird dann eine Copingstrategie getriggert: Die Adaption. Er passt sich an. Er zieht daraus Konsequenzen. Vielleicht wird er weniger Zeit und Energie in die Beziehung mit Timur investieren. Oder sich andere Freundinnen und Freunde suchen. Vielleicht kann er endlich aufgeben, Fußball mögen zu wollen, denn es hat ihm in Wirklichkeit nie Spaß gemacht. Er passt sich an. Er steht wieder auf.

Erst durch den machtvollen Akt des Betrauerns und Loslassens kann er diese Energien freisetzen. Er hat die Vergeblichkeit der Situation (nach Neufeld) akzeptiert und lernt daraus. Er lernt: Loslassen kann erleichtern. Enttäuschung gehört zum Leben. Und: Ich kann damit umgehen!

Wie Erwachsene Kinder durch Frustration begleiten können

Larissa hat sowohl seine Wut akzeptiert als auch ihm dabei geholfen, verletzbar zu sein und seine Traurigkeit zu spüren. Sie hat sich nicht auf das Verhalten konzentriert (den Wutausbruch), sondern auf ihre Beziehung zu Tobias.

Sie bot ihm die Sicherheit, seine Verletzlichkeit zu zeigen. In der Klasse könnte Tobias nicht vor seinen Gleichaltrigen weinen und sich so verletzbar zeigen. Die Beziehungen zu den Gleichaltrigen sind meistens noch nicht so reif und nicht so stabil. Tobias brauchte für diesen Prozess eine reife erwachsene Person, die mit ihm durch diesen Prozess durchging. Die Bindung zu Larissa ist dabei stabil genug, dass er sich in seinen Momenten der Traurigkeit zeigen kann. Dass er von seiner Wut zu seiner Trauer findet.

Kinder brauchen starke Beziehungen zu Erwachsenen, um zu lernen, mit Frustration umzugehen.

Kinder brauchen starke Beziehungen (Bindungen) zu Erwachsenen. Sie brauchen unsere Führung und Anleitung, damit ihr Nervensystem lernt, wie es mit starken Emotionen umgehen kann.

Larissa blieb liebevoll und bestimmt: Sie hat ihm nichts vorgemacht oder schöngeredet. Die Fakten des Lebens sind nun einmal – die Fakten des Lebens. Und gleichzeitig gab sie seinen Gefühlen Raum und Wichtigkeit.

Wir müssen Kindern keine Lektionen in Frustrationstoleranz geben. Das Leben ist schon frustrierend genug: Es gibt Einladungen, die nicht kommen, Geschenke, die man nicht haben darf, Parties zu denen man nicht gehen kann, Eltern die sich trennen obwohl man beide liebt, Haustiere die sterben, Brotboxen, die das falsche Brot enthalten. All diese Situationen helfen dabei, stark zu werden. Sie ermöglichen Kindern, mit Enttäuschungen umzugehen. Wir können Kinder darin begleiten, die Kraft des Annehmens zu entwickeln – und so einen gesunden Umgang mit Frustration und Enttäuschung zu lernen.

Was Eltern und pädagogische Fachkräfte konkret tun können um Kinder zu begleiten:

Gefühle benennen statt wegtrösten

„Das ist wirklich enttäuschend.“ – Kinder brauchen Worte für ihr Erleben, keine schnellen Lösungen.

Realität klar und ehrlich lassen

Nichts schönreden oder relativieren. Ein „Ist doch nicht so schlimm“ verhindert echtes Annehmen und Verarbeiten der Enttäuschung. Dabei musst du nicht grausam sein. Der Ton macht die Musik.

Mitgefühl zeigen, ohne zu retten

Da sein, begleiten, aushalten – aber nicht sofort versuchen, die Situation zu lösen.

Wut als Teil des Prozesses verstehen

Wut ist oft der erste Ausdruck von Frustration – dahinter liegt die Traurigkeit.

Raum für Traurigkeit geben

Tränen sind kein Problem, sondern der Weg zur Verarbeitung. Das Kind braucht jetzt Trost und Begleitung.

Raum für Traurigkeit geben

Tränen sind kein Problem, sondern der Weg zur Verarbeitung. Das Kind braucht jetzt Trost und Begleitung. Mit starken Emotionen können Kinder und Jugendliche noch nicht alleine umgehen. Mehr dazu findest du in der Playlist „Negative Gefühle“.

Beziehung vor Verhalten stellen

Der Wutausbruch ist nicht dein Fokus sondern die Begleitung der Emotionen!

Keine schnellen Alternativen anbieten


„Dann machen wir halt was anderes Schönes“ – das kann den Prozess des Annehmens von Enttäuschung unterbrechen.

Selbst ruhig bleiben

Kinder regulieren sich über uns: unsere Haltung wirkt stärker als jedes Wort. Mehr über Co-Regulation findest du in dieser Playlist.

Bitte sei auch liebevoll mit dir selbst. Nicht immer und zu jeder Zeit kannst du geduldig, liebevoll und bestimmt bleiben. Aber vielleicht: Immer öfter!

Hol dir Begleitung!

Gerne erarbeite ich mit dir konkrete Strategien, wie du starke Gefühlsausbrüche deines Kindes oder eines Kindes in eurer Kita-Gruppe oder Schulklasse begleiten kannst. Lust drauf? Gleich anfragen:

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